2005: "Die Heimkehr des Dschingis Khan" - Teil 1

Am 13. März erfolgte der Start.

Vorangegangen waren nervenaufreibende, hektische Aktivitäten, denn es sollte ja ein Aufsehen erregender Start werden. Schließlich standen wir verschiedenen Sponsoren in der Verantwortung.
Vertreter von fünf Religionen sollten den Pferden und ihren Reitern, sowie der gesamten Expedition ihren Segen geben. Hand in Hand – als Zeichensetzung für gegenseitiges Verständnis und religiösen Frieden.

Das gelang nicht vollständig. Protestanten, Katholiken, Moslems und Buddhisten kamen und spendeten ihren Segen mit bewegenden Worten und Gebeten. Leider hatten Vertreter des jüdischen Glaubens abgesagt.
Berlins Oberbürgermeister hatte keine Zeit, eine berittene BGS-Eskorte keine notwendigen Mittel frei.

Aber Vertreter verschiedener Medien waren gekommen. Zeitungsreporter verbreiteten ein Blitzlichtgewitter, ein Hörsender nahm ein ausführliches Interview und die Filmkameras zweier Fernsehsender surrten ununterbrochen.

Bewegende Worte auch eines Bundestagsabgeordneten und viele Glückwünsche von Messebesuchern und Passanten.

Als Höhepunkt schließlich eine mongolische Delegation in ihren farbenprächtigen Kostümen. Sie überreichten uns mongolische Bekleidung, die für den Winter in Zentralasien wohl am besten geeignet wäre. Die Zeremonie ihres traditionellen Milchopfers zum Abschied war besonders bewegend.

Die Pferde waren inzwischen nervös geworden. Der Trubel um sie herum war es aber nicht, den kannten sie längst. Anders verhielt es sich mit den vielen Flaggen hoch über ihnen, die heftig im starken Wind ohrenbetäubend knatterten. Als wir endlich in die Sättel steigen konnten, spürten wir deutlich ihre Unruhe. Und nun dieser Autoverkehr! Vom Messegelände sollte es reitend zum Brandenburger Tor gehen und das sind einige Kilometer. Auf mehrspuriger Hauptverkehrstraße durch diese turbulente Stadt.
Von Ampel zu Ampel. Zwar fuhr unser Versorger im Schritttempo voraus, doch an jeder Ampelkreuzung musste angehalten und auf das nächste Grün gewartet werden. Wie dringend hätten wir hier die erhoffte Eskorte gebraucht. Die Nerven wurden schnell dünner und als ich mich endlich zur Aufgabe dieses Plans durchgerungen hatte und zum Absatteln und Verladen aufforderte, war allen Beteiligten die Erleichterung deutlich anzusehen.

Der Süden Brandenburgs war schnell durchquert und Dresden bald erreicht. In der Altstadt sollte es einen erneuten Auftritt geben: Der Ritt von der Semperoper zur Frauenkirche. Auch das bewältigten wir mit nervösen Pferden. Hier war es vor allem die um die Kurven kreischende Straßenbahn. Wie schön waren dagegen die Ritte auf Wald- und Feldwegen in der freien Natur, abseits lärmender Städte. Doch diese sind selten geworden, wo durch Landkollektivierung in sozialistischen Zeiten die Ackerflächen zusammengelegt riesengroß wurden. Dies bekamen wir besonders nicht nur in Sachsen, sondern auch in Tschechien zu spüren.

Kurzer Stopp in Prag, wo Freunde ein Zusammentreffen mit Mongolen organisiert hatten, dann weiter nach Österreich. Bereits an der Grenze wurden wir von österreichischen Freunden erwartet und in Empfang genommen. Perfekt organisierte Durchquerung Ostösterreichs mit vielen Höhepunkten, wie z.B. der eskortierte Ritt in der Wiener Altstadt vom Rathaus zum Stephansdom. Dort erneute, beeindruckende Segnung der Pferde durch den Dompfarrer vor großem Publikum.

Schließlich erneute Grenzüberquerung nach Ungarn. Wie angenehm die Grenzübertritte innerhalb der EU doch sind! Passkontrolle bestenfalls, meist nicht einmal das. Ach wäre dies doch überall so! Dabei war die Einreise nach Rumänien noch ein Kinderspiel. Auch Bulgarien war noch relativ einfach, scheinbar lag dies allerdings an Grenzbeamten, die noch keine Erfahrung mit der Einreise von Tieren hatten, denn später fuhr mir der Schreck in die Glieder, als mir mitgeteilt wurde, was alles falsch gelaufen war. Das hat manche bange Wartestunde an verschiedenen Grenzen gekostet, mehrfach waren wir regelrecht „illegal“ eingereist.

Ein vorläufiger Höhepunkt allerdings wartete an der türkischen Grenze auf uns. Ach wie einfach war es doch auf meiner ersten Expedition vor einigen Jahren und wie viel hatte sich inzwischen verändert. Vogelgrippe, BSE und andere Tierseuchen hatten Veterinäre weltweit verunsichert, Regierungen zu extremen Maßnahmen gezwungen, das grenzüberschreitende Reisen mit Tieren enorm erschwert. Zwar war der Transport von Pferden zu sportlichen Veranstaltungen geregelt, aber zeitlich begrenzt.

Diese Zeit überschritten wir ja regelmäßig, weil wir reitend und damit langsam vorankamen und zu lange im jeweiligen Land verbrachten. Außerdem verlässt ein Sportpferd das Land wieder in die Richtung, aus der es einreiste. Wir aber wollten auf der anderen Seite des Landes weiter. So galt unsere Einreise nicht mehr als vorübergehende Einfuhr, sondern als Import. An diese Möglichkeiten hatten die Gesetzesschmiede offensichtlich nicht gedacht – zu unserem mehrfachen Ärger.
Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg. Schließlich bestanden die Türken lediglich noch darauf, dass wir die Einreisegenehmigung des Iran vorweisen können. Doch dieses Problem war größer. Schließlich hatten dort gerade Wahlen stattgefunden und der neue Machthaber entpuppte sich schnell als unkooperativ gegenüber allem, was aus dem Westen kam. Mehrere Informationen besagten, dass es lange dauern könne, bis man mir die Genehmigung erteilen würde. Aber ich war schon knapp in der Zeit, wollte ich das Ziel noch rechtzeitig erreichen. Eine andere Lösung musste her.
Schweren Herzens entschloss ich mich zur Umgehung der Türkei und des Iran. Das war natürlich nur nördlich vom Schwarzen und vom Kaspischen Meer möglich. Ein riesiger Umweg zwar, aber es gab nun keine andere Möglichkeit mehr. Also zurück durch Bulgarien und erneut Rumänien. In Nordungarn hatte ich Freunde, dort könnte ich die Durchquerung der nun neu hinzu gekommenen Staaten vorbereiten, so dachte ich.
Auf der Suche nach dem kürzesten Weg wählte ich einen Grenzübergang an der nördlichen rumänisch-ungarischen Grenze.
Pech gehabt - hier gibt es keinen Grenzveterinär, den gibt es nur an der südlichen Grenze. Also wieder zurück in der Hoffnung, hier abgefertigt zu werden.

Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Amtsveterinäre in meiner Heimat gemacht: die mussten die Genehmigung zur Rückkehr in die EU erteilen. Da meine Pferde aber inzwischen länger als 30 Tage außerhalb der EU waren, galten sie nicht mehr als Sportpferde. Außerdem galt Rumänien als „Risikoland“ und Tiere durften von hier nicht ohne entsprechende offizielle Gesundheitszeugnisse rumänischer Amtsveterinäre in die EU verbracht werden. Wie solche Zertifikate zustande kommen, interessiert dabei offensichtlich Niemanden, auch nicht die Behörde in Deutschland. Ich selbst erlebte es später und die Mitarbeiter dieser Behörde wissen es mit Sicherheit auch.
Alle Bitten um Verständnis halfen nicht, kein Flehen um Rücksichtnahme auf meine Pferde. Sie blieben hart. „Bevor Sie aufbrachen, hätten Sie uns konsultieren müssen. Als Pferdehalter müssen Sie doch wissen, dass man noch nicht einmal ein Huhn von A nach B bringen darf, ohne unsere Genehmigung!“, war deren belehrende, unnachgiebige Aussage. Verzeihung, das war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Bin schließlich kein Turnierreiter, der häufig mit solchen Dingen konfrontiert ist. „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!“ Da ist wieder der typische, deutsche Lehrmeister-Zeigefinger von Menschen, die offensichtlich alles wissen und niemals Fehler machen...

Würde ich jemals wieder meine Pferde nach Hause bringen dürfen? Eigentlich hatte ich immer Vertrauen auch in deutsches Beamtentum, schließlich hält jedes Gesetz einen Ermessensspielraum bereit. Wenn es denn Platz für Menschlichkeit in den Köpfen der Menschen gibt, ihn zu nutzen. „Wo ein Wille ist ....“
Na gut, ich gebe niemals auf, wenn es um meine Pferde geht. Entweder beschaffe ich mir bei der Rückkehr jene Papiere, die unsere Beamten befriedigen, egal auf welche Weise sie zustande kommen. Denn das interessiert die ja scheinbar sowieso nicht, oder ich bleibe dort, wo man mich und meine Pferde duldet. So waren jetzt meine Gedanken und wer will sie mir verübeln?

Also keine Rückkehr zunächst in die EU, keine Einreise nach Ungarn. Direkt in die Ukraine, dort habe ich ja auch noch Freunde. Tatsächlich treffe ich die noch auf der Konjuschnja von Ternopol. Und selbstverständlich helfen die mir bei der Beschaffung der Visa für Russland und Kasachstan. Ich atme auf, endlich scheint der Weg zur Seidenstraße frei zu sein. Doch es ist wie verhext! Als ich endlich die russische Grenze erreicht habe, werde ich wieder gestoppt: inzwischen hat auch Russland neue, schärfere Veterinärbestimmungen. Angepasst an die Richtlinien der EU, denn sonst dürfte Russland nicht mehr in die EU exportieren!
Ich habe keine andere Wahl, ich muss meine Pferde nach Deutschland zurück bringen, um neue Papiere zu erwirken, die meinen Pferden absolute Gesundheit bescheinigen. Dass diese Bescheinigungen lediglich die Gesundheit zum Zeitpunkt der Ausstellung zertifizieren, nicht aber den zum Zeitpunkt des Grenzübertritts, interessiert offensichtlich Niemanden. Die Fahrt Richtung Westen zur ukrainisch-polnischen Grenze ist voller Bitternis. Jene Papiere, die ich zuvor von rumänischen Amtsveterinären benötigt hatte, habe ich nun von ukrainischen, so glaube ich. Es hat schließlich Tage gedauert, sie in Kiew zu beschaffen. Endlich an der Grenze, erfahre ich jedoch, dass sie nicht vollständig sind. Noch einmal zurück in die nächste Stadt. Dort bekomme ich das Papier für eine Menge Geld, dafür ohne Kontrolle der Pferde, wie es eigentlich hätte sein sollen. Aha, so geht das!

Nun brauchen die polnischen Grenzveterinäre nur noch eine Einverständniserklärung der Amtsveterinäre aus meinem Heimatkreis, wie damals an der ungarischen Grenze. Aber es ist bereits Freitag Nachmittag, das Amt geschlossen. Die Polen sind großzügig und erlauben mir die Einreise auf mein Versprechen hin, ihnen gleich am Montag diese Erklärung von zu Hause zu faxen.
Aber dort komme ich erst am Dienstag an und schon kommt ein böser Anruf aus Wiesbaden: „Sie sind illegal in den Rheingau zurückgekehrt! Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben!“: drei Monate Quarantäne wegen illegaler Einfuhr aus Rumänien(!) mit Bluttests am Beginn und nach Beendigung. Außerdem wird es eine Anklage wegen Missachtung der Veterinärbestimmungen geben. Nun, der erste Bluttest ergab die absolute Gesundheit der Pferde und nach 90 Tagen Quarantäne zeigten sie immer noch keinerlei Anzeichen irgendeiner Krankheit. So wurde großzügig auf den zweiten Bluttest verzichtet und endlich durften die Pferde ihre Koppel wieder verlassen.

Dies war nur ein grober Umriss der Grenzerfahrungen, Einzelheiten und weitere interessante Erlebnisse auf dieser ersten Etappe werden in einem Buch veröffentlicht, dass es nach der erfolgreichen Fortführung der „Heimkehr des Dschingis Khan“ geben wird.
Zunächst muss es aber leider eine Unterbrechung dieses Abenteuers geben, denn eine weitere unschöne Begebenheit verhinderte den erneuten Start im Frühjahr 2006.

Klicken Sie hierzu bitte das „Archiv“ an, dort lesen Sie auch die damals unter „News“ veröffentlichten Berichte von der ersten Etappe.